set theory von LAVINIA LANNER & MICHAEL WEDENIG

Sound, Bleistift, Papier, Fundstücke, 2019

set theory, Englisch für Mengenlehre, ist ein grundlegendes Teilgebiet der Mathematik. Eine Menge kann aus beliebigen Objekten gebildet werden – Buchstaben, Tönen, Bleistiften, etc. So ergeben sich zwingendermaßen Kategorien. In diesem Fall sind die Protagonist_innen jedoch Menschen. Wer ist Teil einer Menge und wer nicht? Wo ziehen wir Grenzen? Sind solche Abgrenzungen notwendig, oder sollen vielmehr Schnittmengen gefunden werden?

set theory, ist das Gemeinschaftsprojekt des Musikers und Soundkünstlers Michael Wedenig und der Bildenden Künstlerin Lavinia Lanner. Ausgehend von Wedenigs Vorhaben, ein Album zum genannten Konzept der Mengenlehre mitsamt dessen Umsetzung in akustischer Gebarung zu produzieren, schafft Lanner ein Raumkonzept, welches gemeinsame Themen aufgreift. Ergebnis der Kooperation ist eine raumgreifende audiovisuelle Installation, die auf subtile Weise aktuelle politische Themen aufgreift. Es wird Platz gegeben, Stille erlaubt, Raum eröffnet.

LAVINIA LANNER

Den Unterschied zwischen Strich und Linie zu ergründen, das beschäftigt mich täglich. Das Medium meiner Arbeit ist die Zeichnung. Diese eröffnet mir auch nach zahlreichen Jahren der Beschäftigung immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten. Ein zentraler Aspekt ist das Ad-Absurdum-Führen des Mediums, das so einfach wie komplex ist. So besteht die Serie brushstrokesbeispielsweise aus gezeichneten großformatigen Pinselstrichen. Was in wenigen Augenblicken entstanden zu sein scheint, ist in Wirklichkeit Ergebnis einer peniblen Rekonstruktion bestehend aus tausenden Einzellinien. Die Linie als zentrales Element zieht sich durch meine Arbeit genauso wie das von mir verwendete Mittel. Die Serie fighter erasernimmt ihren Ursprung in meiner Radiergummisammlung und die Zeichnungen dieser Serie zeigen einzelne Versatzstücke daraus auch, ohne diese jedoch konkret und gegenständlich darzustellen. Die Ambiguität des Abstrakten ist für mich ein hohes Gut. Ob in scheinbar mit Haaren umwobene Objekte Körperteile darstellen oder an andere Gegenstände organischen Ursprungs erinnern, wie etwa die in Italien entstandene Serie Frutti di Haare, ist für mich zweitrangig. Während ich in der Auswahl meines Zeichenmittels, dem Bleistift, konsequent die Stärke 3B verwende, wie in meiner Diplomschau 3B or not 3Bthematisiert, ist in der Serie fighter erasereinmalig pastellig eingesetzter Buntstift zum Einsatz gekommen. Nicht nur die Mittel, sondern auch die künstlerische Praxis thematisiere ich immer wieder. Die Ausstellung im Österreichischen Kulturforum Rom titelte nulla dies sine lineaund die dort gezeigten Arbeiten kreisten ein weiteres Mal um meinen Alltag als Künstlerin. Kein Tag ohne Linie, ohne Aktivität, ohne Evolution im erweiterten Sinn. Das Erfassen des Alltags und meiner Umgebung mit den Augen und den Mitteln einer Zeichnerin ist Grundlage und Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Die Salzburger Künstlerin (*1985) studierte Bildende Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien (Gunter Damisch, Amelie Wulffen) sowie an der Slade School of Fine Art London. Zeitgleich studierte sie Interkulturelle Kommunikation (BA) und Konferenzdolmetschen (MA) am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien. Aktuell lebt und arbeitet sie in Abtenau und Wien.

In zahlreichen Artist-in-Residence-Aufenthalten (u.a. Teheran, Yogyakarta, Paris, Rom, Göteborg) erschließen sich ihr durch den Austausch mit dort ansässigen Kunstschaffenden immer wieder neue Welten, wobei die Verlagerung des Arbeitsplatzes für sie von zentraler Bedeutung ist. Zuletzt war in Salzburg im Sommer 2018 eine zeichnerische Arbeit im öffentlichen Raum zu sehen. Mit Ich seh, ich sehauf einer Kunstlitfaßsäule am Giselakai wurde das Konzept der Überwachung in analoger Form thematisiert.

Ihre Arbeiten sind in öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland vertreten (u.a. Land Salzburg, Stadt Wien, Graphische Sammlung der Akademie der bildenden Künste Wien, Ville de Montrouge/Paris). Unter den Nominierungen der Künstlerin finden sich: Walter Koschatzky Kunstpreis, Bank Austria-Kunstpreis, Art Albina Kunstpreis Oberalm.

www.LaviniaLanner.com

MICHAEL WEDENIG

Gitarren, Fieldrecordings, Samples und Loops bilden die Grundlage für Wedenigs stimmungsvolle Soundcollagen, die angereichert mit verzückenden Melodien einen Blick freigeben auf das, was wir Weite nennen. Korsettlos, jenseits populärkultureller Sprachsysteme ist Wedenigs Musik eine, die uns vieles erzählt, uns Tagträume beschert und es vor allem vermag, uns zu zeigen, wie man für jene wertvollen Augenblicke die Zeit anhält. (Michaela Schimun, KETO Recordings)

Reisen sind essenziell für meine Arbeit. Neue Umgebungen provozieren neue Gedanken, Emotionen und Ideen. Sie sind aber auch Fundorte für ganz konkretes Material: Ich mache unterwegs nicht nur Fotografien, ich mache vor allem Field Recordings. Diese Aufnahmen dienen in weiterer Folge nicht in erster Linie der Erinnerung, sie sind selbst ein integraler Bestandteil meiner Arbeit: als Klangkulisse oder, in kleine Teile zerschnitten, als Drum Beats, etc. In den letzten beiden Jahren habe ich Reisen in sehr unterschiedliche Gegenden der Erde unternommen – Island auf der einen, Indonesien auf der anderen Seite – und stellte mir dann die Aufgabe, die unterwegs gewonnenen Eindrücke miteinander in Verbindung zu bringen.

Die beiden Länder könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Kulturen, das Klima, die Landschaften. Und doch. Beide sind Inseln. Mehr noch, Vulkaninseln, umschlossen von gewaltigen Ozeanen. Der scheinbare Gegensatz von Wasser und Lava, das Brodeln und Kochen unter einer vermeintlich ruhigen Oberfläche, das sind Dinge, die mich auch in der Musik interessieren. Mich beschäftigen die Gegensätze wie auch die Ähnlichkeiten verschiedener Kulturen, wie sie sich gegenseitig bereichern können, wie sie miteinander (oder auch mit der eigenen) in Einklang bzw. Mehrklang zu bringen sind, verschmelzen und dabei dennoch ihre Besonderheiten bewahren. All das will nicht nur, aber auch, vor der Kulisse der derzeitigen politischen Situation verstanden werden.

Der in Wien lebende Gitarrist, Komponist und Tonkünstler wurde 1985 in Klagenfurt geboren. Sein Studium am Vienna Music Institute (u.a. bei Andy Manndorff und Peter Rom) schloss er 2009 mit Auszeichnung ab. Seitdem ist er als Gitarrist sowohl Solo, als auch in Bands, wie dem 12-köpfigen Ensemble iris electrum(u.a. mit Johannes Wakolbinger, Mira Lu Kovacs, Lukas Lauermann) und Orchestern (Neue Oper Wien) aktiv. Neben rein musikalischen Projekten beschäftigt er sich intensiv mit Interdisziplinarität: so arbeitet er mit der KünstlerInnengruppe Das graue bregelmäßig an audiovisuellen Installationen (z.B. how to dance with a machine/ Vienna Art Week 2017), komponiert Soundtracks für Tanzstücke (z.B. Guess Whatvon Sara Lanner / imagetanz 2018), Kurzfilme sowie für den Spielfilm Reflections of Maya Rose, der auf zahlreichen internationalen Filmfestivals ausgezeichnet wurde (Canada International Film Festival, California Film Awards, Barcelona Film Festival, etc.). Wedenigs erstes Soloalbum stadt | land | fuzzerschien im April 2015 bei KETO Recordings. Sein zweites Album set theoryist derzeit in Arbeit.

www.michaelwedenig.at